Daddy Issues: Sexismus und ein Mythos?



“…die hat wohl Daddy Issues”. Von Daddy Issues – zu deutsch Vaterkomplex – hat schließlich jeder schon einmal gehört. Gerne wird so die Beziehung zum Vater als Begründung für das Verhalten von Frauen oder deren Partnerwahl herangezogen – jedoch meist, ohne zu wissen, was das eigentlich bedeutet. Existieren Daddy Issues tatsächlich oder sind sie nur ein Urban Myth?


Was sind Daddy Issues?


Wenn wir heute von Daddy-Issues sprechen, dann benutzen wir ausnahmsweise einen Anglizismus, der ursprünglich ein deutsches Wort war: Den „Vaterkomplex“. Dabei handelt es sich um ein psychoanalytisches (kein psychologisches!) Konzept, das eine Entwicklungsstörung bezeichnet, der zufolge die Überwindung der „ödipalen Phase“ eines Kindes nie richtig stattgefunden hat, was sich bei einer erwachsenen Person schließlich als Vaterkomplex manifestiert.


Wie zeigen sich Vaterkomplexe bei jungen Frauen?


Der berüchtigte Vaterkomplex kann zunächst dazu führen, dass sich junge Frauen sehr viel älteren Männern sexuell zuwenden, also Männern im Alter ihres Vaters. Dies kann mit einer Feindseligkeit gegenüber ihrer Mutter einhergehen, muss es aber nicht. Auch das Verhältnis gegenüber dem Vater kann vollkommen gegensätzlich ausfallen:

  • Es gibt Frauen mit Daddy Issues, die zu ihrem eigenen Vater ein ganz besonders liebevolles und erotisch geprägtes Verhältnis pflegen.

  • Es gibt auch das genaue Gegenteil: Manche jungen Frauen mit Daddy Issues haben ein distanziertes, zerrüttetes Verhältnis zu ihrem Vater.


Irreführender Begriff "Daddy Issues"


Der Begriff taucht umgangssprachlich vor allem auf, wenn eine Frau z. B. häufiger deutlich ältere Partner hat: Dann wird ihr eher flapsig nachgesagt, sie hätte einen Vaterkomplex. Gemeint ist damit etwas spöttisch: Sie kompensiert ihre problematische Beziehung zu ihrem Vater mit ihren erwachsenen Liebesbeziehungen. Doch dieses Narrativ strotzt nur vor Sexismus und Mythen.


Das Wort "Vaterkomplex" geht davon aus, dass es die Frau ist, die ein Problem hat. Ihr wird die Schuld zugewiesen. Dabei ginge es eigentlich darum, dass die Väter oder Eltern (denn es betrifft eben nicht nur die Väter) in der Beziehung zum Kind nicht anwesend waren.

Wenn die Eltern emotional in den frühen Jahren nicht an ihre Kinder gebunden sind bzw. abwesend sind, können Bindungsthemen entstehen. Das passiert sowohl Männern als auch Frauen und hat definitiv nicht nur mit dem weiblichen Geschlecht zu tun. Viele Menschen, die Traumata erleben, nutzen häufig Liebesbeziehungen, um diese Themen zu kompensieren. Daher entsteht umgangssprachlich das Reden vom "Vaterkomplex", wenn jemand z. B. Beziehungen zu deutlich älteren Partnern führt.


Der "Vaterkomplex" und die Schuldfrage


Was hier jedoch nicht weiterhilft, ist die Schuldfrage: In der Geschichte des Vaterkomplexes wird die Schuld auf die Seite der Frau geschoben: Sie habe hier ein Problem. Dabei ist das nicht nur falsch, es führt auch nicht zur Lösung der Thematik. Die emotionale Abwesenheit von Eltern hat zumindest in der Nachkriegsgeneration etwas mit einer Abgestumpftheit der gesamten Generation zu tun. Unsere Eltern haben wiederum von ihren Eltern etwas mitbekommen und diese wiederum von ihrer Elterngeneration. Daher ist keinem weitergeholfen, wenn man bei Bindungsthemen von "Schuld" spricht. Solche Begriffe wie "Vaterkomplex", die aus der Gründungsphase der Psychoanalyse stammen, sollten wir heutzutage mit Vorsicht und kritischem Auge betrachten und von ihren sexistischen Mythen befreien.


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