Das Stigma um STI



Wir leben in einer Zeit der Sex-Positivität, ziehen aber unsere Grenzen, wenn es um sexuell übertragbare Infektionen geht. Geschlechtskrankheiten wie Herpes, Aids oder Chlamydien leiden bis heute unter einem Stigma, sodass ein Gespräch über STI schon zu Ende ist, bevor es überhaupt begonnen hat. Warum? Das erkläre ich euch heute.


Was bedeutet STI?

Die Abkürzung STI steht für sexuell übertragbare Infektionen. STI sind also Infektionskrankheiten wie jede andere. So wie jeder Mensch eine Grippe oder einen Schnupfen bekommen kann, kann sich auch jeder Mensch mit Bakterien, Viren oder Parasiten anstecken, die eine STI hervorrufen. Und auch wenn das viele Menschen annehmen - die Ansteckung hat nur wenig mit Hygiene zu tun. Ganz im Gegenteil, hinter einer STI steckt immer ein spezifischer Erreger, der sich auch bei den gepflegtesten Menschen einnisten kann. Dazu zählen etwa Parasiten, Bakterien und Viren, die sich in die oberste Hautschicht eingraben oder im Inneren des Körpers leben. Neben HIV gibt es weltweit rund 30 verschiedene STI, die gerade beim Sex leicht übertragen werden können. Allerdings gibt es auch Erkrankungen, die oft nicht beim Sex übertragen werden. Vor allem Pilzinfektionen wie die Candidose werden meist nicht bei sexuellen Aktivitäten weitergegeben, sondern entstehen durch Hormonumstellungen. Stress oder auch durch die Einnahme von Medikamenten. Noch ein Grund, warum STI nie ein Grund sein sollte, sich zu schämen.


Woher kommt sie Stigmatisierung um STI?


Die Stigmatisierung von sexuell übertragbaren Krankheiten beginnt oft schon in der Jugend und wird uns von der Familie, Gleichaltrigen oder unserer Religion vermittelt. Selbst die Sexpositiven unter uns können sich dabei ertappen, dass wir andere ungewollt stigmatisieren, wenn wir über einen sauberen STI-Test sprechen oder Menschen mit Herpes zur Zielscheibe eines Witzes machen. Stigmatisierung kann aber auch in harmlosen Phrasen auftauchen, wie „Keine Sorge ich bin sauber.“ Oder „Sie schien so unschuldig“. Erst letzte Woche zeigte uns der Rapper DaBaby, wie stark das Stigma um STI steht. Er sorgte für ein Shitstorm auf den sozialen Netzwerken, als er auf seinem Konzert seine Zuschauer bat ihre Handys hochzuheben, wenn sie kein AIDS haben oder auf Parkplätzen das Genital eines anderen Mannes befriedigen. Später erklärte er seine Wortwahl darin, dass unter seinen Fans zwar auch homosexuelle Männer sind. Diese aber sauber sind und kein AIDS haben. Die unausgesprochene Implikation, dass jemand mit STI schmutzig oder gar schuldig ist, sorgt dazu, dass STI zu einer Krankheit wird, wofür sich Betroffene schämen.


Purity-Culture - Was verbrigt sich hinter der sogenannten Sprache der Reinheit?


Die Sprache der Reinheit, auch Purity genannt, werden in vielen Programmen verwendet, die auf Abstinenz bis zur Ehe abzielt. Die Purity Culture beschuldigt alle, die ohne das Bündnis der Ehe sexuellen Kontakt hatten, als verdorben, abgenutzt oder schmutzig. Dieses Stigma schadet nicht nur Überlebenden von Übergriffen - es schadet allen. Es führt auch dazu, dass unser Urteilsvermögen vernebelt wird, wenn es um den Schutz unserer Gesundheit geht. Da wir befürchten, dass wir unseren Partner indirekt beschuldigen, wenn wir ihn bitten, ein Kondom zu nutzen. Gespräche um sicheren Sex sind in unserer heutigen Gesellschaft wichtiger als je zuvor. Es hilft offen über STI und seine sexuellen Grenzen zu sprechen. Mit Safer Sex können wir alle das Risiko sinken, uns mit anderen STI anzustecken. Kondome spielen dabei eine wichtige Rolle. Es gibt aber auch weitere Maßnahmen, etwa Impfungen gegen eine STI oder ein STI-Test, um schwerwiegende Folgen zu verhindern.


Kann Sprache das Stigma bekämpfen?

Auf den eigenen Sprachgebrauch zu achten, z.B. den Begriff „sauber“ aus dem STI-Wortschatz zu streichen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Weitere Versuche STI zu entstigmatisieren, finden sich in einer veränderten Terminologie. Viele Fachleute aus dem Gesundheitswesen sind der Meinung, dass der Begriff „sexuell übertragbare Krankheit“ selbst stigmatisierend ist und drängen auf eine Umbenennung in „sexuell übertragbare Infektion“, weil sie glauben, dass Infektionen weniger stigmatisiert sind als Krankheiten - und dass sich Menschen eher auf Infektionen testen lassen als auch Krankheiten. Das zeigt sich zum Beispiel darin, wenn wir jemanden mit Chlamydien beschämen, während wir bei jemandem mit einer Harnwegsinfektion nicht einmal mit der Wimper zucken, obwohl beide mit Antibiotika geheizt werden können. Oder die Berührungsängste die wir gegenüber Menschen mit HIV hegen. Aus diesem Grund wurde der Begriff STD, welcher für „sexuell übertragbare Erkrankung“ steht, in STI (= sexuell übertragbare Infektion) umbenannt.


Scham und Stigma wirken zusammen wie ein Kontrollmittel, das im Laufe der Geschichte zur Ausgrenzung von Frauen, farbigen Menschen und der LGBTQI+-Community geführt hat. Wir können unseren kleinen Teil dazu beitragen, diesem Stigma seinen Stachel zu nehmen, indem wir uns darin üben, nicht zu urteilen und auf Ausdrücke wie „sauber oder unschuldig“ zu verzichten, wenn wir über den STI-Status reden. 💜



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