Essstörung – der Kampf gegen den eigenen Körper

Aktualisiert: 30. Juni 2021



Ob Anorexie, Bulimie oder Binge Eating: Essstörungen nehmen weltweit zu. Sie bezeichnen Verhaltensstörungen rund um das Essen mit schweren gesundheitlichen und psychischen Folgen. Drei Jahre meines Lebens habe auch ich mit einer Essstörung gekämpft. Ich habe lange überlegt, ob ich ein derart privates Thema in meinem Blog aufgreife. Jedoch sehe ich diese Phase in meinem Leben nicht mehr mit Scham, sondern mit Stolz an. Ich habe die Essstörung bewältigt und möchte mit meiner Erfahrung denjenigen Mut machen, die selbst mit einer Essstörung kämpfen.


Wie entstehen Essstörungen?


Essstörungen entwickeln sich meist in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter. Auslöser ist meist ein geringes Selbstwertgefühl, das sehr stark vom Äußeren abhängig ist. Aber auch individuelle Ursachen wie die Neigung zu Perfektionismus und soziokulturelle Ursachen wie das durch die Medien geprägte Schönheitsideal können eine Essstörung auslösen. Auf der Suche nach den Wurzeln meiner Essstörung komme ich immer auf Kindheits- und Jugenderinnerungen zurück: Der Ballettunterricht, wo mich die urteilenden Augen der dünnen Kinder schier aufgefressen haben. Die chinesische Schule, wo ich mich inmitten von jungen Kindern für meinen frühreifen Körper geschämt habe. Und nicht zuletzt die Trennung von meiner ersten Liebe, die mir jeden Zentimeter meines Selbstbewusstseins geraubt hat. Es waren Zeiten, in denen die Essanfälle meine unerwünschten Gefühle wie Angst, Frust und Wut reguliert haben. Die vermeintliche Regulation sorgt am Ende jedoch nur zu Depression und Scham.


Welche Essstörungen gibt es?


Im Wesentlichen lassen sich Essstörungen in vier Gruppen einteilen: Magersucht, Ess-Brech-Sucht, Esssucht und die Gruppe der nicht näher bezeichneten Essstörung. Ich war von der Ess-Brech-Sucht, der sogenannten Bulimie betroffen. Menschen, die von einer Bulimie leiden, haben oftmals Normalgewicht, wirken sportlich und scheinen sich sehr gesund zu ernähren. Das ist auch das Gefährliche an der Bulimie. Sie ist weniger am Körpergewicht erkennbar als andere Essstörungen wie die Magersucht und Esssucht. So haben meine Freunde es mir nie angemerkt, dass ich innerlich gelitten habe, sobald ich etwas Ungesundes gegessen habe. Mein strikter Ernährungsplan erlaubte mir keine Fehltritte und war auf 700 Kalorien pro Tag begrenzt – viel zu wenig für eine 17-jährige junge Frau. Verbotenes führt bekanntlich zu Gelüsten. Von Heißhunger geprägt, entstanden Essattacken, in denen ich in einem kurzen Zeitraum ungewöhnlich große Nahrungsmengen verzehrt habe. Während dieser Essattacken hatte ich keine Kontrolle mehr darauf, was und wie viel ich esse. Gegessen wird, bis der Körper nicht mehr kann. Aus Angst vor einer Gewichtszunahme traf ich nach jeder Essattacke gewichtsreduzierende Maßnahmen und hatte somit viele Brech-Anfälle. Was mir nicht bewusst war, waren die Folgen einer Bulimie. Durch den Nährstoffmangel hatte ich eingerissene Mundwinkel, durch die Magensäure wurden meine Zähne angegriffen und durch die vermehrte Produktion von Speichel durch die Ohrspeicheldrüse hatte ich “Hamsterbacken“ und schlimme Ohrschmerzen. Deshalb möchte ich die Betroffenen unter euch fragen, ist es das wert? Bitte nehmt die Folgen genauso ernst wie die Krankheit selbst.


Wie kann man Betroffenen helfen?


Betroffene holen sich oft aus Scham, Schuldgefühlen und aus Angst der Stigmatisierung keine Hilfe. Ich lies mir auch nicht helfen. Bis zu dem Abend, als ich vor Schmerz auf dem Boden meiner Küche saß und um mich die leeren Keksschachteln, die aufgerissene Chipstüte und die Wurstscheiben sah. Ich konnte kaum aufstehen, weil mein Magen überfüllt war. Mein Hals brannte vom Kotzen und ich sah das erste Mal meinem Problem ins Auge. So entschloss ich mich meinem Freund von meiner Essstörung zu erzählen. Das Gespräch war befreiend. Jahrelang habe ich das Problem verheimlicht und musste mich immer in die Küche schleichen, damit mich keiner bei einer Essattacke erwischen kann. Das Gespräch war es auch, das mich zu einer Online-Therapie führte. Online-Therapien erfolgen anonym und flexibel über das Internet. Sie werden von der Krankenkasse bezahlt und legen den Grundstein für eine psychotherapeutische Behandlung. Da ich mich für meine Essstörung schämte, war diese Art der Therapie perfekt, um mich frei von Urteilen meinem Problem zu widmen. Ich empfehle Selfapy, eine 12 Wochen lange Online-Therapie, in der Betroffene interaktive Aufgaben abarbeiten und mit ihrem Therapeut per Chat in Kontakt kommen. Dort gibt es auch informativen Lesestoff und spannende Videos, die darauf abzielen, den Betroffenen alternative Bewältigungsstrategien beizubringen.


Wie kann man eine Essstörung bewältigen?


Da Menschen mit einer Essstörung auf Stress und emotionale Situationen mit einem gestörten Essverhalten reagieren, ist es wichtig, alternative Bewältigungsstrategien zu finden. Das können Freunde oder Familienangehörige sein, die einfach zuhören und für einen da sind, sobald sich eine Essattacke aufstaut. Das kann aber auch eine Online-Therapie sein, die einem hilft, mit Stress und starken Emotionen umzugehen, ohne zum Essen greifen zu müssen. Aber am wichtigsten ist es, den eigenen mentalen Schalter zu finden, der einen stoppt, weiterhin so zu leben. Für mich war es die Erkenntnis, dass dünn sein nicht alles ist. Einen schönen Po und ein Training mit Resultaten bekommt man nur mit einer ausreichender Ernährung. Eine gute Beziehung funktioniert nur, wenn man nicht ständig gereizt und müde ist. Und letztlich funktioniert eine gesunde Ernährung nur, wenn man aufhört, seine tägliche Kalorienzufuhr zwanghaft zu kontrollieren. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht mehr gesund ernährt. Ich esse immer noch sehr gesund, jedoch esse ich auch mal eine ganze Pizza, wenn mein Körper danach verlangt. Auch schätze ich einfach die Vorteile, ohne eine Essstörung zu leben. Ich bin nicht mehr ständig niedergeschlagen, meine sozialen Kontakte haben sich verbessert und ich bin endlich auf dem Weg, meinen Körper lieben zu lernen.


Ich hoffe, dieser persönliche Ausschnitt meines Lebens hilft denjenigen unter euch, die selbst mit einer Essstörung kämpfen. Ich weiß, dass es Momente geben wird, in denen ihr wieder von vorne anfangen müsst, weil eine Essattacke aufgekommen ist. Aber ich glaube an euch und ich weiß ihr werdet das schaffen! 🧡

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