Frauenrollen im Film und Fernsehen: notwendig oder zu penetrant?



Wird sie ermordet oder ist sie eine Prostituierte? Abgesehen von ein paar Leuchtturmprojekten sind Frauen im deutschen Filmgeschäft immer noch unterrepräsentiert. Neuverfilmungen mit rein weiblichen Besetzungen und Serien mit starken weiblichen Hauptcharakteren sollen Abhilfe schaffen. Doch ist diese Umstellung ein Aufbrechen von traditionellen Muster oder einfach nur unnötig und zu penetrant? Heute sprechen wir über die positiven und negativen Aspekte der Frauenförderungen in der Filmbranche.


Trotz starker Frauenfiguren wenig Dialogzeit


Es ist knapp zwei Jahre her, dass #metoo in Hollywood wie eine Bombe einschlug: Zahlreiche Schauspielerinnen berichteten, schon einmal am Filmset Opfer sexualisierter Gewalt geworden zu sein. Schlimmstes Beispiel: Der Fall Harvey Weinstein. Seitdem scheint immerhin das Tabu, über die leidvolle Erfahrung von sexuellen Übergriffen zu sprechen, gebrochen. Viele Schauspielerinnen lassen sich patriarchales Machotum nicht mehr gefallen. Erste Urteile gegen Männer, die in der Filmbranche Frauen belästigt haben, wurden gefällt. Was sich allerdings bis heute nicht geändert hat, ist die Unterrepräsentation von Frauenrollen in Filmen. Noch immer kommen Frauen als Handlungsträgerinnen kaum vor – und deutlich seltener zu Wort. Anlass für die neuerliche Diskussion um die Darstellung von Frauen in Filmproduktionen ist eine aktuelle Untersuchung zur Erfolgsserie „Game of Thrones“. Die ernüchternde Erkenntnis: Über insgesamt acht Staffeln nehmen männliche Figuren circa dreiviertel der Redezeit in Anspruch – obwohl mit Daenerys Targaryen oder Cersei Lannister auch starke Frauenfiguren im Zentrum der Handlung stehen. Tatsächlich bildet „Game of Thrones“ keine Ausnahme – im Gegenteil. Eine Untersuchung der USC Annenberg stellte eine Geschlechterungleichheit fest, wenn es um den Sprechanteil von Frauen und Männern in Filmen geht. Nach Daten der USC liegt der Redeanteil in insgesamt 900 populären Filmen, die zwischen 2007 und 2016 entstanden sind, von weiblichen Figuren konstant bei rund 30 Prozent. Nur in 34 Prozent aller analysierten Filme werden Frauen als Hauptfigur oder gleichrangige Hauptfigur neben einem männlichen Charakter dargestellt.


Über was Frauen reden

Doch entscheidend ist nicht nur, wie viel Frauenfiguren in Filmen reden, sondern auch über was. Aufschluss darüber gibt der sogenannte Bechdel-Test, der 1985 von der Comic-Autorin Alison Bechdel entworfen wurde, um Frauenstereotype in Film und Fernsehen aufzudecken. Der mittlerweile etwas modifizierte Test enthält vier Fragen, die Zuschauer*innen an Filme stellen sollen:

  • Gibt es mindestens zwei Frauenrollen?

  • Sprechen diese Frauen miteinander?

  • Tauschen sie sich über etwas anderes als einen Mann aus?

  • Haben alle Frauenrollen einen Namen?

Viele bekannte Filme – wie „Herr der Ringe“, „Avatar“ oder sogar „Lola rennt“ bestehen diesen Test nicht. Immerhin hier scheint „Game of Thrones“ aber besser abzuschneiden.


Hintergrund zur Geschlechterverteilung in Filmen


Doch woran liegt das Missverhältnis der Geschlechter? Neben Rollenklischees ist dieses möglicherweise auch eine Folge der Geschlechterverteilung im Hintergrund der Filmproduktion: Von den 1223 Regisseur*innen, die die Studie der USC Annenberg berücksichtigten, waren nur 3,3 Prozent Frauen. Mehr Frauen müssten auch hinter der Kamera arbeiten, um wirklich etwas zu verändern.


Wenn die Weltenretter alle weiblich sind


„Ghostbusters“ in den Achtzigern, wir erinnern uns, all male: drei nerdige Typen namens Ray (Dan Aykroyd), Egon (Harold Ramis) und Peter (Bill Murray) verlieren ihre Stellen an der Universität, weil ihre Versuche, paranormale Aktivitäten nachzuweisen, als unseriös betrachtet werden. Als Selfmademen in der freien Marktwirtschaft gelingt ihnen jedoch sehr bald der Durchbruch, weil es einen rapiden Anstieg unerwünschter Geisterbesuche im gesamten New Yorker Stadtgebiet gibt. Mehr als 25 Jahre nach dem letzten "Ghostbusters"-Film wird wieder an einem Gespensterjäger-Abenteuer gearbeitet. Nur dieses mal sind es vier Frauen, die sich als Retterinnen der Stadt behaupten müssen, gespielt von den beliebtesten Komikerinnen der Branche Kristen Wiig und Melissa McCarthy. Doch dass nun Frauen auf Gespensterjagd gehen sollen, gefiel nicht jedem. In sozialen Medien wurde die Besetzung harsch kritisiert. Kommentatoren sahen „Feminazis“ am Werk, die dem Film ihre Ideologie unterschieben würden. Andere kritisierten, dies sei nun der nächste Hollywoodfilm, der von Political Correctness ruiniert werde.


Political Correctness oder das Ändern der Geschichte im Film


Betrachtet man die Entwicklung des Films in den vergangenen fünf Jahren, so ist eine deutliche Fokussierung auf das Thema "Political correctness" zu beobachten. Jüngst wurden sogar die Hollywood-Richtlinien dahingehend überarbeitet, dass bestimmte Faktoren gegeben sein müssen, damit ein Film überhaupt die Chance auf einen Oscar erhält. Für die 96. Verleihung im Jahr 2024 muss der Anwärterfilm so über mindestens einen Haupt- oder aber einen "bedeutenden" Nebendarsteller verfügen, der einer "unterrepräsentierten ethnischen Gruppe" angehört (Afroamerikaner, Asiate etc.). Mindestens 30 % aller Darsteller in Nebenrollen sollen zudem aus den folgenden "unterrepräsentierten Gruppen" stammen:

  • Frauen

  • LGBTQ+

  • Menschen mit kognitiven oder körperlichen Behinderungen

Früher gab es tolle Frauencharaktere wie Ripley aus den Alien Filmen. Doch heute versuchen viele Regisseure in nahezu jeden Film möglichst viele Ethnien und Klischee-Abziehbilder von Frauen reinzupressen, um möglichst viele Menschen zu repräsentieren, sodass es fast etwas künstlich und aufgesetzt wirkt. Kaum ein Regisseur/Drehbuchautor mag sich heute noch erlauben, sich über diese neuen Standards hinwegzusetzen. Es müssen sogenannte "Minderheiten" bedient werden, damit sich bloß niemand beleidigt, ausgegrenzt oder "auf den Schlips getreten" fühlt und so der Film bloß nicht in der Gunst der Kritiker absinkt.


Frauenrollen: notwendig oder zu penetrant?


Ein bloßes Umschreiben von Heldenrollen funktioniert nicht. Aus den „Ghost Busters“ Frauen zu machen, zeugte hauptsächlich davon, dass der Witz der ursprünglichen Geschichten nicht verstanden werden konnte. Umgekehrt kann ein „Oceans-Film“ mit weiblicher Besetzung eine gute Idee sein, weil es eine ganz eigene Geschichte zu erzählen gibt. Weibliche (Super-)Helden sind super, wenn sie wie „Wonder Woman“ ihre eigene Geschichte haben, einen weiblichen James Bond aber braucht man dann nicht so dringend wie eine männliche Version von „Buffy the Vampire Slayer“. Hollywood ist nicht politisch korrekt, Hollywood ist marktorientiert. Wenn der Markt nicht mehr von weißen heterosexuellen angelsächsischen Männern dominiert wird, dann ändern sich auch die Inhalte. Die Frage ist nur, tun sie es allein auf der Besetzungsoberfläche, oder tun sie es in einer emanzipatorischen Form, also im Hinblick auf eine eigene Geschichte. Filme müssen das Recht haben, direkt in ein Milieu oder in eine Haltung einzudringen, ohne Furcht etwas Falsches zu zeigen oder sagen zu lassen. Ähnlich verhält es sich mit dem Konzept, das aus den USA zu uns kommt: das sensitivity reading von Manuskripten. Vor der Veröffentlichung wird ein Text von einem qualifizierten Leser, dem sensitivity reader, daraufhin durchgesehen, ob er für ethnische, sexuelle oder andere Minderheiten kränkende Passagen enthält. Vermutlich ist das Letzte, was wir unbedingt brauchen, eine weitere Instanz, die an Filmdrehbüchern herumdoktert. Allerdings könnte ich mir durchaus vorstellen, dass man einen Extragang des sensitivity reading einlegt, und sei es nur, um Missverständnisse für die Zukunft zu vermeiden. Es kommt nämlich keineswegs allein darauf an, wie etwas gemeint ist, sondern auch darauf, wie es empfunden wird. Ein Film, der diskriminiert, darf und muss fundamentale Kritik erfahren, und ein sensitivity reading von ­Texten und Bildern bedeutet keine Zensur. Vielleicht aber wird nach Political Correctness auch dort verlangt, wo die Kritik versagt.


In der stark polarisierten Debatte um mehr Repräsentation von Frauen in der Filmindustrie drohen wirklich gut besetzte Frauenrollen unterzugehen. Was schade ist. Denn es müssen noch mehr echte Frauenperspektiven gezeigt werden als nur aufgespritzte Rollenbilder.💜


20 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen