Klammern in Beziehungen: Kann man Abhängigkeit ablegen?



Wir alle sind bis zu einem gewissen Grad in Beziehungen "emotional bedürftig". Das bedeutet nichts anderes, als dass wir in einer schwierigen Zeit mehr emotionale Unterstützung als gewöhnlich benötigen. Wir alle wollen verstanden, unterstützt, geliebt und akzeptiert werden. Übermäßig emotional bedürftig zu sein – zu fordernd, zu anhänglich, zu zerbrechlich – kann Beziehungen allerdings negativ beeinflussen.


Woran lässt sich emotionale Abhängigkeit erkennen?


Eine andere Person stark zu vermissen oder bei der Vorstellung einer Trennung sehr traurig zu sein, sind normale und gesunde Phänomene in einer Beziehung. Wenn ihr allerdings bemerkt, dass diese Gefühle euer Verhalten bestimmen, dann solltet ihr euch in nächster Zeit genauer beobachten. Ihr könnt euch dabei folgende Fragen stellen:

  1. Versuche ich es ihm oder ihr recht zu machen und übergehe ich dabei etwas, was ich mir eigentlich wünsche? (Unverhältnismäßige Kompromisse)

  2. Habe ich den Drang ständig neue Zeichen der Zuneigung von meinem Partner oder meiner Partnerin zu bekommen und melde ich mich daher zum Beispiel sehr oft? (Versicherung)

  3. Fällt es mir sehr schwer, glücklich und unbeschwert zu sein, wenn ich nicht bei meinem geliebten Menschen bin? (Probleme beim Alleinsein)

  4. Bin ich die treibende Kraft in der Beziehung und zieht sich mein Partner oder meine Partnerin mehr und mehr zurück? (Einseitigkeit)

Wenn ihr einige oder alle dieser Fragen mit Ja beantworten könnt, ist es möglich, dass ihr eine emotionale Abhängigkeit entwickelt hast. Wichtig ist, dass es sich dabei um keine Diagnose, sondern um eine Tendenz und vielleicht auch nur um eine Phase handelt.


Unsichere Menschen sind eher anhänglich

Selbstbewusste, in sich ruhende Menschen präsentieren sich als warmherzig und liebevoll und wurden höchstwahrscheinlich von Menschen erzogen, die beständig, fürsorglich und aufmerksam waren. Unsichere Menschen wirken oft abweisend, gehen Nähe aus dem Weg und sind in einem Umfeld aufgewachsen, das weniger emotional war und in dem Unsicherheit und Bedürftigkeit nicht toleriert wurden. Menschen mit einem ängstlichen, unsicheren Bindungsstil sind jedoch gerade diejenigen, die oft als überbedürftig angesehen werden. Dies führt jedoch oft dazu, dass der Partner oder die Partnerin emotional erschöpft und von der Bedürftigkeit des anderen überwältigt ist. Es ist anstrengend. Und doch tun ängstliche Menschen genau das, wovor sie am meisten Angst haben - sie drängen ihr Gegenüber immer weiter weg.


Lernt eure eigenen Bedürfnisse kennen

Als stark anhänglicher Mensch habt ihr wahrscheinlich den Denkreflex „Die Bedürfnisse geliebter Menschen sind wichtiger als meine eigenen“ verinnerlicht. Begebt euch zunächst auf die Suche nach euren ureigenen Bedürfnissen, Wünschen, Zielen, Begierden usw. Dabei können euch folgende Fragen helfen: Was braucht ihr in eurem Leben? Wofür brennt ihr? Welche (noch unerfüllten) Träume habt ihr? Was vermisst ihr in eurer Beziehung, ohne dass ihr es zu aussprechen versucht?

Selbstfürsorge


Emotionale Abhängigkeit zu überwinden ist ein Prozess, in dem es nicht nur um eure Beziehung, sondern vor allem um eure persönliche Weiterentwicklung geht. Indem ihr euch selbst die Aufmerksamkeit, Bestätigung und Liebe entgegenbringt, die ihr euch so sehr von eurem Partner oder eurer Partnerin wünscht, macht ihr ganz neue Lebenserfahrungen. In der Psychologie spricht man dabei auch von Selbstfürsorge. Mit Selbstfürsorge könnt ihr insgesamt langfristig zufriedener sein. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass euer Partner euch dann egal ist. Im Gegenteil: Eure Partnerschaft ist dann weniger Mittel zum Zweck, sondern eine wichtige Bereicherung, die ihr genießen könnt.


Weniger Kompromisse


Versucht einmal weniger Kompromisse zu machen. Sagt zum Beispiel eurer Verabredungen mit Freunden nicht mehr ab, wenn euch euer Lieblingsmensch sehen will. Vertraut darauf, dass eure Beziehung das aushält und es sie sogar fördert, wenn ihr auch etwas für euch machst. Schließlich habt ihr im Nachhinein auch mehr zu Erzählen und sorgt für Gesprächsstoff.


Schafft euch ein eigenes soziales Umfeld


Bisher war euer Partner der Mittelpunkt eures Lebens und soziale Kontakte habt ihr nach und nach einschlafen lassen. Doch ein eigener Freundeskreis ist wichtig, damit ihr auch neben eurem Partner jemanden habt, mit dem ihr euch austauschen könnt. Außerdem bieten euch eure Freunde Rückhalt, wenn ihr beispielsweise Streit mit eurem Partner hattet oder ihr euch gar getrennt habt.


Eure Anhänglichkeit abzulegen, wird sicher nicht von heute auf morgen gelingen. Das Ganze ist ein Prozess, bei dem vor allem eines ganz wichtig ist: Offene Kommunikation. 🧡









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