Safe Spaces – nur eine Utopie?



Ein Safe Space ist ein Raum, in dem sich Menschen zurückziehen können, die sich marginalisiert oder diskriminiert fühlen. Dies ermöglicht es Personen, die oftmals kein Gehör finden und missachtet oder ausgeschlossen werden, an Treffen und Debatten in gemischter Runde teilzunehmen. Zunehmend wird unter dem Schlagwort „Politische Korrektheit“ Sinn und Unsinn dieser Forderung debattiert. Heute sprechen wir über die Geschichte von Safe Spaces und denn Sinn und Unsinn hinter diesen Räumlichkeiten.

Widerstand gegen politische Repressionen


Die Entstehung von Safe Spaces lässt sich unter anderem auf die queere Szene in den 1960er- Jahren in den USA zurückführen, als Schwule, Lesben und Transpersonen eigene Räume schafften, um sich ungestört – also frei von gesellschaftlicher Kontrolle und Polizeigewalt – zu treffen, auszutauschen und politischen Widerstand zu organisieren. Zu dieser Zeit waren die Sodomiegesetze immer noch in Kraft, welche bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts alle Sexualpraktiken von gleichgeschlechtlichen Paaren bestrafte. Daher nutzen Schwule, Lesben und Transpersonen die Räumlichkeiten von verschiedenen Bars, um sich auszutauschen, sprechen, Energie zu tanken – zumindest bis die Polizei auftauchte. Diese Bars waren weder “sicher” im Sinne von risikofrei noch “sicher” im Sinne von reserviert. Ein “Safe Space” war ein Ort, an dem die Menschen praktischen Widerstand gegen politische und soziale Repressionen erleben konnten.


"Shame dies when stories are told in safe spaces" – Ana Vaskamp

Distanz zu patriarchalischem Denken


In den 60er und 70er-Jahren wurde der Begriff schließlich von der Frauenbewegung verwendet. Ein „Safe Space“ bedeutete in diesem Kontext eine Distanz zu Männern sowie patriarchalischen Denken. Der „Safe Space“ war in der Frauenbewegung eher ein Mittel als ein Zweck. Ein Raum, der durch das Zusammenkommen von Frauen auf der Suche nach Gemeinschaft geschaffen wurde. Es gab eine Hingabe an ein gemeinsames politisches Projekt. Diejenigen, die versuchten, die Bewegung – bewusst oder unbewusst – zu untergraben, wurden draußen gehalten.


Warum sind Safe Spaces aktuell so kontrovers?


Ab den 2000ern begann das Konzept des Safe Spaces in linken Räumen aufzutauchen. So verwendete auch Occupy Wall Street den Begriff für einen Diskursbereich mit diversen Standpunkten für Menschen, die in der weißen heteronormativen Welt wenig Raum erhalten.

Seither geht es den Betreibern von „Safe Spaces“ darum, dass eine positive und tolerante Kultur in diesen Safe Spaces herrscht und Betroffene an diesen Orten nichts hören müssen, was sie verunsichert oder beunruhigt. Wer einen Safe Space betritt, soll sich sicher fühlen, ohne dass er/sie diskriminiert, beleidigt oder belästigt wird. Gleichzeitig stellte man sich aber zunehmend die Frage: Wenn in Safe Spaces Gegenmeinungen keinen Raum erhalten, torpedieren dann Safe Spaces nicht unsere Meinungsfreiheit? In den USA gibt es dafür sogar den Begriff „Coddling“, übersetzt „die Verhätschelung“. Wenn über unbequeme Themen nicht mehr gesprochen werden, wie sollen dann junge Menschen in der wahren Welt bestehen können, so die These.

Gegen radikale und linke Persönlichkeiten


Der Fall Greer zeigt die aktuelle Debatte noch einmal genauer: Vor ein paar Jahren reiste die feministische Autorin Germaine Greer nach Wales an die Universität von Cardiff, um eine Vorlesung über die aktuelle Lage der Frauenrechte zu halten. Greer wollte eigentlich über Geschlecht und Macht im 21. Jahrhundert sprechen, doch die Studenten verweigerten die Vorlesung und initiierten sogar eine Petition, da sie Greens Standpunkt, Transfrauen seien keine „echten Frauen“ nicht gutheißen. Die Studierenden argumentierten, dass eigentlich an der Universität Debatten angeregt werden sollen, doch die Einladung einer Dozentin mit einer so zweifelhaften Einstellung könnte Transstudierende womöglich einschüchtern oder schikanieren. In den letzten Jahren verbreitete sich das Konzept rasant – erst an amerikanischen Universitäten, später an britischen. Mittlerweile gehört es zu einer der am häufigsten geführten Debatten.


Sind Safe Spaces eine Utopie?


Das Konzept von Safe Spaces ist in ihrem Grundsatz eine Gute, auch wenn sich zunehmende extreme Bewegungen daraus bilden. Sie ermutigt Gruppen, die sich anderweitig nicht beteiligt fühlen, zur Partizipation. Safe Spaces regen also gewissermaßen die freie Rede an, indem sie marginalisierten Gruppen eine Stimme verleihen. Trotzdem müssen wir uns der Realität stellen: In unserer Gesellschaft gibt es eine ganze Bandbreite intersektionaler Identitäten, die Politik, Gesetzte, Inklusions- und Diversity-Konzepte gar nicht integrieren können. Mit Blick darauf ist ein Safe Space ein Ideal, welches fast unerreichbar erscheint. Außerdem stellt sich die Frage, ob wir Diversität und Diskriminierung überhaupt anpacken können, wenn wir nicht darüber sprechen.


Eines steht fest: Der Begriff “Safe Space” hat in den letzten 50 Jahren einen ordentlichen Wandel vollzogen. Bleibt es eine Utopie oder kommen wir noch dahin? 💜

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