Selfie-Dysmorphie: Unser Filter-ich



Große, runde Augen, eine winzige Nase und eine perfekte Haut: Instagram- und Snapchat-Filter liefern eine optimierte Version unseres Ichs. Das Problem: Die perfektionierte Scheinwelt schürt Unsicherheit - und bringt einige Menschen dazu, sich unters Messer legen zu wollen.


Warum Selfies uns unzufrieden machen können


Farbfilter und Spezialeffekte sorgen dafür, dass wir auf unserem Selbstporträt nicht mehr müde aussehen, sondern strahlend schön und ein paar Jahre jünger.

Das muss dann gleich als neues Profilbild herhalten! Doch was machen diese vermeintlich perfekten Schnappschüsse mit unserer Selbstwahrnehmung? Die bisweilen wenig schmeichelhafte Diskrepanz zwischen geschöntem Foto und erbarmungslosem Spiegelbild sorgt dafür, dass immer mehr Menschen mit ihrem Aussehen hadern und sich wünschen, sie würden wirklich so aussehen wie auf ihrem Selfie.

Sich das zu wünschen, ist ja die eine Sache. Manche werden jedoch förmlich süchtig danach, Selfies von sich zu machen, um sich immer wieder schöne Bilder von sich selbst anzuschauen.


Snapchat, Facetune und Co. Setzen unrealistische Ziele


Im Jahr 1996 beschrieb David Foster Wallace in Infinite Jest einen Apparat namens Teleputer, der die Überlagerung von Videotelefonie und Augmented Reality ermöglicht. Über zwei Jahrzehnte nach Veröffentlichung des Buches ist seine Vision ein kleines, aber mächtiges Stück Realität geworden. Als im Jahr 2014 die App SkinneePix das Versprechen gab, jeden Nutzer auf Selfies schlanker erscheinen zu lassen, war die Aufregung noch groß. Zu offensichtlich, zu unverfroren das Versprechen, das eigene Äußere so unverfroren zu manipulieren. Während man in den frühen 2000ern noch über Hipster lachte, die ihre Latte-art mit Sepia-Filtern verschlimmschönerten, sind Filter heutzutage aus dem Selfie-Mainstream nicht mehr wegzudenken. Wo Hundeschnauzen und Blumenkränze am Anfang noch lustig waren, veränderte sich das Angebot langsam, aber sicher dahin, dem User ein neues, ideales Bild seines Äußeren mithilfe von Filtern zu ermöglichen. Große Augen, dichte, lange Wimpern, ein schmales Kinn und eine kleine Stupsnase. Kindchenschema-Deckschicht für das nächste Selfie. Als Mittel der Selbstdokumentation sind Selfies als narzisstische Praxis verschrien. Was geschieht allerdings, wenn man trotz perfekter Pose und schmeichelndem Licht mit dem Ergebnis des eigenen Abbilds unzufrieden ist? Mehreren Studien zufolge breitet sich besonders in den USA der Trend der sogenannten Snapchat-Dismorphose aus. Das Phänomen, bei dem gut informierte Konsumenten beim Gang zum Schönheitschirurgen ein Ziel haben: So auszusehen wie auf ihrem gefilterten Selfie.


Vom Filter zum Filler


Doch warum missfallen wir uns so sehr auf Bildern, die wir im Prinzip selbst in der Hand haben? Unterschiedliche Faktoren spielen dabei eine Rolle: Zum einen eine Verzerrung, die durch die Smartphone-Kamera und deren Abstand zum Gesicht entsteht, die letztendlich dafür sorgt, dass die eigene Nase auf Bildern 30 % größer wirkt. Eigentlich ist alles eine Frage der Perspektive: Wird ein Foto mit der gleichen Kamera mit normaler Distanz aufgenommen, kommt es zu keiner Verzerrung. Zum anderen normalisieren gefilterte Selfies ein verfälschtes und beschränktes (konkret: ein mitteleuropäisch-weißes) Schönheitsideal, das durch seine ständige Reproduktion zum Maßstab wird. Die Haut wird blasser und glatter wie kaltes Porzellan. Durch die ständige Reproduktion des vermeintlich perfekten Influencer-Gesichts, wird die empfundene Unzulänglichkeit beim Betrachter verstärkt und ein entsprechendes Begehren geweckt. Schönheitschirurgen haben Influencer bereits als wandelnde Galerien ihrer Arbeit und somit für sich als Marketing-Tool entdeckt.


Mit Snapchat, Facetune und weiteren Apps dieser Art haben wir unser Aussehen im Prinzip selbst im Griff. Gefilterte Selfies führen jedoch dazu, dass wir den Bezug zur Realität verlieren und unrealistische Erwartungen an uns wecken. 💜


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