Victim Blaming: Wie Opfer zu Tätern gemacht werden

Aktualisiert: 30. Juni 2021



„Du schminkst dich zu stark. Dein Rock war zu kurz. Warum gehst du nachts auch alleine raus?“ Diese weitverbreitete Strategie, Opfern sexueller Gewalt Mitschuld an den erlittenen Übergriffen zu geben, hat einen eigenen Namen: Victim Blaming bzw. die Täter-Opfer-Umkehr. Hier wird dem Betroffenen einer Diskriminierung, eines körperlichen Übergriffes oder eines rassistischen Erlebnisses die Schuld für das Erfahrene zugeschrieben. Betroffene von Victim Blaming müssen auf diese Weise doppelt leiden: Einmal durch das erlebte Unrecht und einmal durch die Täter-Opfer-Umkehr. Wie es dazu kommen kann, möchte ich im folgenden Blogbeitrag erläutern.


Ursprung des Victim Blamings


Verbreitet wurde der Begriff Victim Blaming in den 1970er-Jahren als Taktik von Verteidigern in Vergewaltigungsprozessen, um dem Vergewaltigungsopfern die Schuld an der Tat zuzuschreiben und den Angeklagten zu entlasten. So gab es 2018 den skandalösen Freispruch in einem Vergewaltigungsfall, bei dem die Begründung des Richters wie folgt lautete: Die Spitzenunterwäsche der Klägerin wird von der Verteidigung als Zeichen der Freizügigkeit der jungen Frau angesehen. Als Gegenbewegung entstand der Hashtag #ThisIsNotConsent, unter dem Frauen aus der ganzen Welt online Fotos ihrer Unterwäsche teilten, um sich solidarisch mit der jungen Frau zu zeigen. Außerdem bringt diese Bewegung zum Ausdruck, dass Kleidung und Unterwäsche nicht mit sexualisierter Gewalt in Verbindung gebracht werden sollte.


Unterbewusste Denkprozesse in der Gesellschaft


Ein Grund, warum Menschen zu einer Opferbeschuldigung neigen ist, weil sie sich sicherer fühlen, wenn sie fälschlicherweise glauben, dass die Person, die die Aggression erlitten hat, verantwortlich für ihre Misshandlung sei. Denn dann können sie sich vormachen, dass sie die Situation unter Kontrolle haben. Mit anderen Worten, Menschen glauben, sie seien sicher, solange sie das „Richtige“ tun, nicht die selben „Fehler“ machen wie das Opfer und somit keine Gewaltdelikte auslösen. Sie denken: „Wenn ich mich nicht so verhalte wie sie, wird mir das nie passieren“. Dieser Fehlschluss führt dazu, dass in unserer Gesellschaft vor allem bei sexuellen Übergriffen oft das Opfer beschuldigt wird.


Problem des Selbstschutzes


Insbesondere im Zusammenhang mit der Vergewaltigung von Frauen verlangt die Gesellschaft, dass Frauen etwas tun sollten, um die sexualisierte Gewalt vorzubeugen. Dabei sollten wir uns auf die potenziellen Täter und die in der Gesellschaft verankerten Werte konzentrieren. So gibt es die Mutter, die ihrer Tochter rät, lieber das Outfit zu wechseln, um nichts zu riskieren. Oder die Freundinnen, die sich Pfefferspray schenken, um nachts noch alleine feiern gehen zu können. Solche Schutzvorkehrungen sind natürlich gut und wichtig. Frauen dürfen wadenlange Kleider tragen, Pfeffersprays besitzen und Selbstverteidigungskurse machen. Aber sie sollten es nicht müssen. Denn das stärkt nur den Irrglauben, dass Frauen, die nicht alle Anforderungen erfüllen, selbst Mitschuld an dem Übergriff sind.


Victim Blaming außerhalb von Sexualstraftaten


Neben Sexualstraftaten finden sich die Opferbeschuldigungen auch bei Gewalttaten und Straftaten mit rassistischem Hintergrund. Bei dieser Art des Victim Blamings findet oft das sogenannte Reverse Racism statt. Dies kann der Fall sein, wenn Betroffene auf rassistische Strukturen hinweisen und ihnen daraufhin weiße Ansprechpersonen entgegnen, dass dieses Verhalten rassistisch ist. Mit der Taktik des Reverse Racism entziehen sie den eigentlichen Opfern ihr über Jahrhunderte erlebtes Leid und stellen sie als Rassisten dar. Natürlich sind auch weiße Menschen von Vorurteilen, Stereotypen und Diskriminierung betroffen – von rassistischer Diskriminierung und Gewalt aufgrund ihrer Hautfarbe allerdings nicht.


Menschen, die sexuelle Gewalt erleben, empfinden oft Scham, erfahren ein Trauma und machen sich schließlich Vorwürfe nicht gehandelt zu haben. Wir sollten ihnen nicht noch mehr Schuldgefühle geben und sie genauso nicht lehren, nicht vergewaltigt zu werden. Ganz im Gegenteil, wir sollten lieber den Tätern beibringen, nicht zu vergewaltigen. 💜



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